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Dem Produktivitätsparadoxon auf der Spur. Viertes Ordnungspolitisches Kolloquium der IMPULS-Stiftung

22.09.2017 | id:20716813

Das jährliche Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktivität hat sich in Deutschland seit 2005 im Vergleich zur vorigen Dekade verlangsamt. Im deutschen Maschinen- und Anlagenbau ist die Produktivitätsentwicklung sogar negativ. Gleichzeitig verspricht die Digitalisierung ungeahnte neue Möglichkeiten. Die Produktivität sollte also eigentlich steigen. In der öffentlichen Diskussion wird deshalb von einem ‚Paradoxon‘ gesprochen.

Das vierte Ordnungspolitische Kolloquium der IMPULS-Stiftung hat sich auf die Spur dieses ‚Produktivitätsparadoxons‘ gemacht. „Wir halten hier einen, wenn nicht den Schlüssel für Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand in den Händen“, unterstrich Dr. Thomas Lindner, Vorsitzender des IMPULS-Kuratoriums. „Erst der Produktivitätsfortschritt ermöglicht nachhaltigen Spielraum für das Verteilen und für Investitionen der Unternehmen.“

Quintessenz unter den rund 25 Teilnehmern aus Industrie, Wissenschaft und Politik war: Bei allen – vor allem Industrie-seitig vorgebrachten – Fragen an die Treffgenauigkeit der Statistik muss die Entwicklung der Produktivität ernst genommen werden. Dies gerade auch im Hinblick auf die langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Erst wenn die aktuellen Einflussfaktoren der Produktivitätsentwicklung identifiziert sind, kann gezielt gegengesteuert werden.

Der FDP-Politiker und Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Otto von Guericke Universität Magdeburg Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué riet zur Gelassenheit und politischen Zurückhaltung. Die Produktivität war schon verschiedentlich Gegenstand von Diskussionen. Im Hinblick auf eine politische Einflussnahme warnt er davor, dass Eingriffe nie punktgenau erfolgen können, die Gefahr bergen, zu übersteuern und somit kritisch zu sehen sind.

Die bei Impulsrednern und Teilnehmern am stärksten diskutierte Hypothese war die Rolle der Digitalisierung. Demnach befinden sich viele Unternehmen hier in der Investitionsphase. Umsatzzuwächse haben sich demgegenüber noch nicht realisiert. Auch kann für Optimierungen etwa im Bereich After-Sales und Service die entsprechende Zahlungsbereitschaft bei den Kunden noch nicht generiert werden.

Erörtert wurde auch die Bedeutung der zunehmenden Individualisierung von Produkten. Während lange Zeit über Standardisierung Effizienz- und damit Produktivitätsgewinne erzielt werden konnten, ist aktuell eine stark zunehmende Varianz zu beobachten. Im Zuge der Digitalisierung sollte es jetzt das Ziel sein, individuelle Kundenwünsche in der Produktion wieder zu ‚standardisieren‘.

Im Auftrag der IMPULS-Stiftung des VDMA führt das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim aktuell eine Studie zum Produktivitätsparadoxon durch. Mögliche Faktoren für die schwache Produktivitätsdynamik im deutschen Maschinenbau werden identifiziert und gemessen. Unternehmensinterviews und Handlungsempfehlungen runden die Studie ab, die im Frühjahr 2018 veröffentlicht wird.

Bildquelle : Hermann Heibel - VDMA

Gernandt, Johannes
Gernandt, Johannes
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